Ausgabe 2_2017, Startseite 87
Editorial
Dr. rer. pol.
Jean-Pierre
Bringhen
Mitherausgeber von «Causa Sport»
Der Zweifel ist der natürliche Antagonist der Gewissheit. Die Gewissheit wiederum steht in einer engen Beziehung zur (objektiven) Wahrheit – besteht über eine bestimmte Tatsache Gewissheit, gilt diese als «wahr». In unserer immer komplexeren, zunehmend vernetzten und – vermeintlich? – transparenten Gesellschaft wird es indes immer schwieriger, über alles und jeden Gewissheit zu haben und die Wahrheit ans Licht zu bringen – allenthalben werden Zweifel gestreut; Enthüllungen über «Leaks», «Fake News» und ähnliche Phänomene verunsichern zusehends die Menschen und lassen sie in ihrer Hoffnung auf Gerechtigkeit und Gleichbehandlung mitunter resignieren.
Der Sport bildet hier keine Ausnahme. Insbesondere in Sportarten, in denen ein einziger Entscheid über das Überleben oder den Untergang einer Mannschaft bestimmen oder für einen Sportler oder für ein Unternehmen existenzielle Folgen haben kann, können Beurteilungsfehler fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Die Thematik wird im Moment wieder rege diskutiert. In Anbetracht dieser Umstände akzentuiert sich das Streben nach absoluter Gewissheit (Tor oder kein Tor? Ist der Ball vor, auf, hinter oder neben die Linie gefallen? Hat der Schiedsrichter richtig entschieden?) auch auf dem Spielfeld. Schiedsrichterentscheide werden heute anhand von Videoaufnahmen, die in Zeitlupe, in Vergrösserungen usw. analysiert werden, im Rückblick kommentiert, bewertet, kritisiert, oft geradezu seziert – und im Ergebnis eben entweder bestätigt oder widerlegt. Der früher omnipotente Schiedsrichter ist heute mit Technologien konfrontiert, die ihn Lügen strafen oder bestätigen können. Aufgrund des daraus resultierenden zunehmenden Drucks stellt sich die Frage, ob der Schiedsrichter in seiner Arbeit durch technische Hilfsmittel unterstützt werden muss, damit sich sein Blickwinkel erweitert und die objektive Wahrheit jeweils tatsächlich auch erkannt wird. Im Tennis und im Eishockey hat ein entsprechender Paradigmenwechsel bereits stattgefunden, im Fussball und in vielen weiteren Sportarten zeichnet er sich ab. Daran zeigt sich aber auch, wie schwierig es geworden ist, Schiedsrichter – oder auch ganz allgemein Richter – zu sein. Der Schiedsrichter war mit seinen Entscheidungen immer alleine; es wurden jedoch immer mehr Hilfsmittel beigezogen, um diese im Nachhinein zu hinterfragen.
Sind nun technische Hilfsmittel, wie sie heute im Sport zur Verfügung stehen (insbesondere solche, auf die ein Schiedsrichter im Rahmen seiner Entscheidfindung zurückgreifen kann), Allheilmittel? Die neueren Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften scheinen dies zu belegen. Offenbar geht die grösste Gefahr, die zu Fehlentscheidungen führen kann, gerade vom Gehirn des Schiedsrichters selbst aus. Nobelpreisträger Daniel Kahneman und andere Fachkollegen wiesen in umfassenden Studien nach, dass, je nachdem wie viel Glukose im Gehirn eines Probanden vorhanden war, dieser mutiger, objektiver oder gar risikofreudiger, also nicht über den Weg des geringsten Widerstandes, entschied. Gemäss diesen Wissenschaftlern dysfunktioniert das menschliche Gehirn im Grunde naturgemäss ständig: Um Glukose – sprich Energie – zu sparen, bedient es uns mit «selbstgebastelten» Lügen, d.h. es wählt den Weg des geringeren Aufwands, auch wenn dieser nicht der objektiven Wahrheit entspricht. Dieser Ansatz kommt bei komplexen Zusammenhängen oder erhöhtem Stress an seine Grenzen. Unsere Gesellschaft braucht Täter, Opfer, schwarze Schafe, Retter – klare und einfach vorzunehmende Kategorisierungen. Nuancierungen zwischen diesen Extrempositionen sind hingegen aufwendig – aber gerade diese hat der Schiedsrichter um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen zu erkennen. In sensiblen Bereichen ist ein (Schieds-)Richter besonderem Stress ausgesetzt, der Fehlentscheide noch zusätzlich begünstigt.
Doch wie kann man sich vor Fehlentscheiden schützen? Auch hier versuchen die Wissenschaftler, eine Antwort zu geben, nämlich mittels der Wahrscheinlichkeit. Unser Gehirn hat Mühe mit dem Wahrscheinlichkeitsrechnen. Was ist Wahrheit und was ist Schein oder was scheint wahr zu sein? Der Mensch neigt dazu, jeweils das als wahr zu erachten, was er subjektiv als richtig und als angenehm empfindet. Er lässt sich von seinem Gefühl und seinen Erfahrungen leiten. Dabei sucht er nach Bestätigungen, dass er richtig liegt, und neigt dazu, all das auszublenden, was er nicht sieht oder sehen konnte. Darin liegt nun aber das Problem, denn er bewegt sich dabei nur innerhalb seines eigenen Horizonts, was natürlich dazu führen kann, dass er mit einer Entscheidung falsch liegt. Objektiver und zielführender wäre gemäss der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse, sich zu hinterfragen: «Was denke ich
S
über eine Entscheidung?» statt «Wie fühle ich mich dabei?»
Um sein eigenes Denken richtig zu lenken, schlägt die Neurowissenschaft unter anderem vor, dass man die Aussensicht, also die Analyse von Aussenstehenden, einholt. Technische Hilfsmittel, etwa Torüberwachungskameras, erfüllen dabei eine solche Rolle, denn sie sind völlig emotionslos und – sofern sie denn technisch einwandfrei funktionieren – in der Analyse absolut klar, was die Wahrscheinlichkeit anbelangt. Sie sind binär.
Konsequent zu Ende gedacht, würde dies bedeuten, im Interesse der Gewissheit – der objektiven Wahrheit – den menschlichen Faktor im Schiedsrichterwesen so weit wie möglich zu reduzieren und damit den «Robo-Referee» einzuführen, der frei von subjektiven Einflüssen jeweils konsequent richtig und damit jenseits jeden Zweifels entscheidet. Ist also der «Robo-Referee» die Zukunft im Sport? Mit «Jein» wäre man geneigt, diese Frage diplomatisch zu beantworten. Wohl werden künftig Mensch und Maschine Aufgaben auch im Sport gemeinsam übernehmen.