Ausgabe 3_2017, Startseite 187
Editorial
Prof. Dr.
Peter W.
Heermann
LL.M. (Univ. of Wisc.)
Mitherausgeber von «Causa Sport»
An diesen Ausspruch des römischen Politikers, Anwalts, Schriftstellers und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 v. Chr.) fühlt man sich erinnert, wenn man die aktuellen Entwicklungen im Fussballsport verfolgt. Den Ausgangspunkt für die nachfolgenden Betrachtungen bieten die Schlagzeilen, die im Juli und August 2017 ein «Jahrtausendtransfer» hervorgerufen hat.
Im Mittelpunkt des Medienspektakels stand der Brasilianer Neymar da Silva Santos Júnior, genannt Neymar oder Neymar Jr., 25 Jahre, ein sicherlich mit überdurchschnittlichem spielerischem Talent ausgestatteter Fussballspieler. Als solcher war er im Jahr 2013 vom FC Santos zum FC Barcelona gewechselt. Bis heute haben Richter, Staatsanwälte und Steuerbehörden noch nicht genau ermitteln können, wie viel Geld bei diesem Transfer in wessen Taschen ordnungsgemäss versteuert oder unversteuert floss. Der katalanische Fussballklub glaubte sich der Dienste Neymars für die vereinbarte Vertragslaufzeit sicher, weil in einer Ausstiegsklausel eine Vertragsauskaufsumme exorbitanten Ausmasses (222 Mio. Euro) festgelegt worden war. Da aufgrund der UEFA Club Licensing and Financial Fair Play-Regulations (FFP-Regeln) ein in europäischen Wettbewerben tätiger Fussballklub – vereinfacht gesprochen – im Grundsatz nicht mehr Geld ausgeben darf, als er einnimmt, schien ein Wechsel des Spielers vor Ablauf der Vertragslaufzeit undenkbar.
Nun hat aber Neymar zusammen mit seinem neuen Wunscharbeitgeber, Paris Saint Germain (PSG), dessen 100 %-igen Eigner Qatar Sports Investments (QSI) und einer Vielzahl von Beratern einen Weg gefunden, wie das eigentlich Undenkbare doch erfolgreich umgesetzt werden konnte. Die QSI soll die Werberechte an Neymar für rund 300 Mio. Euro erworben haben. Damit konnte sich Neymar selbst aus dem Vertrag beim FC Barcelona herauskaufen, was hingegen PSG aufgrund der Bindung an die FFP-Regeln vermutlich nicht möglich gewesen wäre. Zudem soll Neymar im Gegenzug als offizielles Gesicht für die im Jahr 2022 in Qatar stattfindende FIFA Fussball-Weltmeisterschaft zur Verfügung stehen. Der Verfasser hatte diese Regelungslücke in den FFP-Regeln zwar schon vor vier Jahren herausgearbeitet – Peter W. Heermann, Related Parties nach den UEFA Financial Fair Play-Regulations, CaS 2013, 131 ff., 140 f. –, muss sich aber eingestehen, seinerzeit die nun erfolgte Umsetzung dieser Strategie in einem Beispielsfall allenfalls in Ansätzen antizipiert zu haben:
«Fall 12: RE [= Reporting Entity] bemüht sich um die Verpflichtung des Weltklassefussballspielers W, der noch für mehrere Jahre an einen Klub in einer anderen nationalen Liga gebunden ist und dort 10 Mio. Euro jährlich verdient. RE bietet W zwar nur ein Gehalt von 1 Mio. Euro pro Jahr (u.a. weil RE ansonsten als Arbeitgeber eine sog. Reichensteuer zu entrichten hätte). Allerdings ist – zufällig – auch E, das Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung an RE, bei den Vertragsverhandlungen mit W vertreten. E’s Vorstandsvorsitzender bietet W einen Individualsponsoringvertrag an, der jährlich mit 20 Mio. Euro vergütet werden soll.»
Ob der Plan letztlich rechtswirksam wird umgesetzt werden können, ist derzeit noch ungewiss. Anfang September 2017 hat die UEFA bekanntgegeben, Ermittlungen gegen PSG einzuleiten. Dabei wird die Untersuchungskammer der UEFA-Finanzkontrollkammer ihren Fokus «auf die Einhaltung des Klubs in Sachen Break-Even-Anforderungen, vor allem in Bezug auf die jüngsten Transferaktivitäten» richten. Die FFP-Regeln, welche zahlreiche, detaillierte Verbotstatbestände aufweisen, enthalten zwar kein ausdrückliches Umgehungsverbot. Indes bietet Art. 53 Nr. 3 FFP-Regeln der UEFA-Finanzkontrollkammer zumindest die Gelegenheit, bei der Anwendung der FFP-Regeln deren Zielsetzungen Rechnung zu tragen (vgl. hierzu Peter W. Heermann, CaS 2013, 133). Zuletzt hat sich UEFA-Präsident Aleksander Čeferin angesichts der aktuellen Entwicklungen auf dem Transfermarkt für eine «Modernisierung» der FFP-Regeln ausgesprochen. Es wird spannend sein, in dieser Sache die weitere Entwicklung zu verfolgen.
Das gilt auch für die schon lange vor dem «Jahrtausendtransfer» pauschal geäusserte Forderung, die «Chancengleichheit» unter den Fussballklubs zu bewahren oder wiederherzustellen. Ein solches Postulat, das nunmehr neue Nahrung erhalten dürfte, wirft zunächst einmal vier Fragen auf:
S
  1. Ist mit «Chancengleichheit» eine wirtschaftliche und damit auch mittel- bis langfristig sportliche Ausgeglichenheit zwischen Ligamitgliedern, mithin eine sog. competitive balance, gemeint?

    Davon soll im Folgenden ausgegangen werden.
  2. Bedarf es überhaupt einer competitive balance innerhalb einer Sportliga, um einen für die Medienanbieter wie die Endkonsumenten, d.h. (Fernseh-)Zuschauer, gleichsam interessanten und reizvollen Ligawettbewerb anbieten zu können?

    Diese Frage wird im Kreis der Sportökonomen wie zuletzt auch seitens der deutschen Monopolkommission tendenziell ablehnend beantwortet. Gleichwohl verfolgen insbesondere die U.S.-amerikanischen Major Leagues dieses Ziel ebenso strikt wie wirtschaftlich erfolgreich, was zuletzt auch zunehmend in der Bundesliga und der UEFA zur Kenntnis genommen worden ist.
  3. Für welche Liga soll eine competitive balance angestrebt werden (aus deutscher Perspektive: Bundesliga und/oder Champions League)?

    Der FC Bayern München ist zuletzt fünf Mal in Folge und regelmässig mit deutlichem Punktevorsprung Deutscher Fussballmeister geworden; zugleich gewann man 2013 die UEFA Champions League, ist in diesem finanziell lukrativen Wettbewerb seither aber vier Mal in Folge in den Playoffs gegen spanische Klubs ausgeschieden. Daher wird die Ausgangsfrage vom deutschen Rekordmeister vermutlich in einem anderen Sinne als von den übrigen Ligamitgliedern beantwortet werden.
  4. Wer soll eine competitive balance sicherstellen?

    Insoweit hat uns Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fussball Liga (DFL), im März 2017 in einem Interview mit dem Kicker ein wenig ratlos zurückgelassen: «Klar ist, und da kann man den Münchnern überhaupt keinen Vorwurf machen: Wenn der FC Bayern noch ein paar Mal hintereinander Meister werden sollte, wäre das nicht gerade förderlich für die Wahrnehmung des Wettbewerbs. Aber es liegt nicht am FC Bayern, dies zu ändern.» Ja, aber an wem liegt es dann?
Dieser letzten Frage soll hier abschliessend nachgegangen werden: Man muss nüchtern konstatieren, dass der Rekordmeister dem Rest der Bundesliga in wirtschaftlicher und nun auch immer häufiger in sportlicher Hinsicht enteilt ist. Die Verfolger haben in den letzten Jahren zunehmend auch bei Einsatz eines Fernglases nicht einmal mehr die vielzitierten Rücklichter des deutschen Branchenprimus zu sehen bekommen. Spannend ist der Kampf um die Meisterschaftsschale gerade zum Ende einer Saison kaum mehr gewesen. Dieses Spannungsdefizit wird sicherlich teilweise durch den zumeist bis zum letzten Spieltag andauernden Kampf um die für die Qualifikation für die UEFA Champions League und UEFA Europa League und um die Abstiegsplätze ausgeglichen. Dies mag aber nur für die betroffenen Fans gelten, schon kaum mehr für die allgemein am Bundesliga-Geschehen Interessierten und erst recht nicht mehr für Zielgruppen im Ausland, die vorrangig an den wenigen, dauerhaft sportlich erfolgreichen Aushängeschildern der Bundesliga interessiert sein dürften.
Mit Einführung der Zentralvermarktung der Übertragungsrechte an der Bundesliga war uns vor rund 20 Jahren weisgemacht worden, durch die damit verbundene Einnahmenumverteilung könne im Ansatz eine sportliche Ausgeglichenheit der Bundesliga gewährleistet werden. Die weitere Entwicklung hat uns eines Besseren belehrt, was eigentlich schon seinerzeit vorhersehbar gewesen wäre. Denn die in der Höhe seit jeher höchst unterschiedlichen übrigen Einnahmen der Bundesligisten aus den Bereichen Ticketing, Hospitality, Sponsoring, Merchandising und Spielertransfers wurden und werden nicht umverteilt. Dies gilt übrigens auch für die hohen zusätzlichen Einnahmen, die insbesondere bei einer Qualifikation für die UEFA Champions League allein an sportlich besonders erfolgreiche und damit auch wirtschaftlich potente Bundesligisten fliessen. Inzwischen beträgt der jährliche Umsatz des Rekordmeisters das bis zu Achtfache der Bundesligisten in den unteren Tabellenregionen, die Diskrepanz zwischen dem Marktwert der Spielerkader hat ähnliche Dimensionen angenommen. Kurzum: Die Schere zwischen Arm und Reich wird auch weiterhin auseinandergehen, wenn nicht effektiv gegengesteuert wird. Einzelne Bundesligisten können zwar bei nicht nur vorläufigem sportlichen Erfolg (insbesondere Borussia Dortmund) und im günstigsten Fall mit einem potenten Investor im Rücken, der nicht (mehr) an die umstrittene 50+1-Klausel gebunden ist (VfL Wolfsburg, Bayer 04 Leverkusen, TSG Hoffenheim, RasenBallsport Leipzig), die zuvor beschriebene Entwicklung für sich selbst stoppen oder gar ein wenig gegensteuern und sich vielleicht einmal die Meisterschale sichern. Zu einer grundlegenden Umkehr der beschriebenen Entwicklung wird dies aber kaum mehr führen können.
Wenn die Bundesligisten also nicht aus eigener Anstrengung für eine stärker ausgeprägte competitive balance sorgen können, richtet sich der Blick unweigerlich auf die Fussballverbände. Ein Blick in die FFP-Regeln und die dort verankerten Zielsetzungen belegt, dass die UEFA hiermit bislang keineswegs eine wirtschaftliche und sportliche Ausgeglichenheit in den europäischen Ligawettbewerben anstrebt (näher hierzu Peter W. Heermann, UEFA Financial Fair Play im Lichte des Europarechts, CaS 2013, 263 ff.,
S
269 bis 272). Aber vielleicht wird sich dies ja infolge der angekündigten «Modernisierung» der FFP-Regeln ändern. Wiederholt schon ist zur Annäherung an eine competitive balance in der Bundesliga auf die U.S.-amerikanischen Major Leagues mit ihren verschiedenen Umverteilungs- und Ausgleichsmechanismen verwiesen worden. In diesem Heft legt der Verfasser dar, dass sich diese Ansätze einzeln (z.B. Gehaltsobergrenzen) oder gar in ihrer Gesamtheit zumindest derzeit nicht auf die Bundesliga übertragen lassen. Zudem würde dies in letzter Konsequenz bedeuten, dass auf Initiative von DFL und sämtlichen Ligamitgliedern einzelne Bundesligisten auf einen Teil ihres wirtschaftlichen und dadurch bedingt auch sportlichen Vorsprungs verzichten müssten. Dies müsste deren auch am shareholder value orientierten Anteilseignern erfolgreich vermittelt werden, was heute noch kaum vorstellbar anmutet.
Aber wie sagte bereits Cicero: «Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann.»